Übers Künstlersein

Wie lange hat Montaigne für die Umsetzung des Satzes 'wenn ich schlafe, schlafe ich, wenn ich tanze, tanze ich.' gebraucht? Oder hat er diesen Zustand auch nicht immer erreicht. Ich gestehe: ich erreiche ihn nicht einmal ab und zu. Das ist bitter und gar nicht gut. Ich predige die Abgrenzung in meinem Bekanntenkreis und wenn ich dann einmal von einem respektlosen Galeristen, der mit meinen Arbeiten umgeht als wären sie nichtige Computerausdrucke, de facto mißhandelt werde, stürze ich in ein düsteres Loch der sinnentleerten Depression und will nie wieder Künstler sein und will nie wieder ein Bild herzeigen und nie wieder leben. Und nach Rom fahren will ich dann auch nicht. Als wäre Rom jetzt eine böse, gemeine, unglückverheißende Stadt. Na so was. Ich versuchte es schon gestern mit Sextus Empiricus' Innehalten. Er behauptet ja, wenn man innehalte, folge einem die Seelenruhe. Nu, die Seelenruhe blieb zwar aus, aber es ging mir dann doch etwas besser. Ob das nun daran lag, daß ich seit Samstag ohne Unterlaß 'Die Gedanken sind frei' trällere oder am Innehalten, weiß ich nicht. Ich glaube ja, es liegt am Singen, denn ich erzeuge Obertöne d.h. hohe Frequenzen und das ist immer positiv. Nicht, daß jetzt Innehalten schlecht wäre. Ich glaube aber, daß man Innehalten sollte, bevor man ausflippt oder sich aufregt oder depressiv wird. Nicht danach. Nicht dann, wenn man sich schon im dunklen Kerker versenkt hat. Ich aber rase wenn dann so richtig kopfüber voll hinein. Ich habe mich gestern mit Senecas Satz (sinngemäß) 'Wenn einem eine Tür vor der Nase zugeschlagen wird, dann stehen einem noch 100 andere offen' versucht zu trösten, aber mir sind die anderen Türen nicht eingefallen. Ich sann nach, aber nichts kam. Ich meinte, keine Alternative zur Kunst. Außer so Dinge, die nett klingen, aber spätestens ab November nicht so sind: Schäferin, Bio-Bauer, Blumenzüchter. Letzteres ist nicht so gut, denn ich merke mir keine Pflanzennamen, ich sagen zu allen Du und geht’s dir gut?.

 

Mich gerade mit der älteren Dame neben mir über das zu viel Essen unterhalten. Und die Frage: wo essen Italiener die viele Pasta und die restlichen Gänge bloß hin? Egal. Bei Niederländern habe ich das vor 20 Jahren schon geklärt, nämlich: viel Sex und Apfelmuß. Lachen könnte auch helfen, die Bauchmuskeln zu trainieren. Ich hätte gerne mehr zu lachen. Kann es sein, daß ich im Laufe meines Lebens das Lachen verlernt habe. V.a. das über-alles-Lachen. Ich habe am Wege des Lebens irgendwo meine Heiterkeit verloren, verlegt. Und das kindliche Staunen – oder anders ausgedrückt: meine Offenheit. Dieser Spruch 'Was einem nicht umbringt, macht einem stark' ist völliger Unsinn, was einem nicht umbringt, macht einem zynisch, misstrauisch und verschloßen. Also schwach, nicht stark. Ich fühle mich oft sehr schwach. Obschon nicht hilflos. Außer was gesellschaftliche Umstände berifft und die Dummheit und den Selbstzerstörungstrieb der Europäer. Da fällt mir nichts mehr ein. Gar nichts. Man kann nur alleine weiter machen. Also mache ich weiter. Und wozu mir auch nichts mehr einfällt ist das Thema Partnerschaft. Ich weiß wirklich nicht, wo die netten, liebenden, herzlichen, gesunden, respektvollen, intelligenten, katzenliebenden, gutaussehenden, selbstbewußten, emanzipierten ….......... (zum selbst ausfüllen) Männer geblieben sind. Einer würde ja reichen. Ich lerne keinen kennen, Weiß auch nicht. Weiß auch nicht, wie andere das machen. Wenn jemand fragt, was für einen ich denn gerne hätte, sage ich: na, so einen wie mich! Nur männlich. Also mich in männlich (siehe oben). Mir wollten schon Leute einen Schidduch machen mit Typen, die häßlich waren wie Das Biest, gerade, daß sie nicht geschielt haben, und mit Tischmanieren, die ich nicht einmal alleine im stillen Kämmerchen an den Tag legen würde. Null Kultur, null Bildung, Intelligenz einer Kakerlake, Mutterthematik und dann noch so dumpf, daß sie Fleisch aßen und den heutigen Medien glaubten. Das finde ich eine Beleidigung. Was soll das?

 

Vielleicht ist das Fehlen des Gefühls, als man selbst und um seiner selbst willen geliebt zu werden und jemanden hinter sich zu wissen, ein Faktor, der schwach und zynisch und verschloßen macht. Ganz sicher. Meine ich. Und dann hört das Lachen auf. Und das Staunen. Ich will wieder beides. Ich google mal nach Lachgruppen in Wien.

 

Auf http://www.lachyoga.at/lachen.htm steht "Die Heilkraft des Lachens ist ein wahres Elixier der Lebensfreude – womit wir mehr Gelassenheit gegen die Widrigkeiten des Alltags, gegen Streß und Erstarrung entwickeln können." Erstarrung ist eine gute Beschreibung. Genau, starr bin ich geworden. Wie ein Klumpen Stein. Und da steht auch ein Zitat von William James: 'Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind, wir sind glücklich, weil wir lachen.' Aha. Muß ich ausprobieren. Starr sein kostet ganz schön viel Kraft, finde ich. Ich schreibe diese Frau mal an. Ist schon seltsam, daß auf der Website keine aktuellen Termine stehen. Vielleicht ist der Dame das Lachen auch mittlerweile vergangen. Man weiß nie.

 

Wenn ich an meine Jugend zurück denke, sehe ich, daß ich bei genauer Hinsicht nicht offener war, in dem Sinne, daß ich über mich erzählt und berichtet habe und anderen mein Herz ausgeschüttet habe, im Gegenteil: ich habe gar nichts über mich preis gegeben! Und war lustiger und entspannter. Und auch überlegter. Ich habe andere gar nicht an mich herangelassen und war beliebt und hatte Freunde. Interessant. Und Männer waren in mich verliebt. Ich hatte viel mehr Geduld und Gelassenheit. Jetzt da ich über 40 bin, habe ich das Gefühl, keine Zeit mehr zu verlieren zu haben, nicht mehr ausprobieren zu können, einen Standard erfüllen zu müßen. Ist das mein Gefühl? Ist das in der Tat meins? In der westlichen Gesellschaft, in der ich lebe, wird der Mensch noch immer danach bewertet, was er beruflich – d.h. geldtechnisch – erreicht hat; er wird bemessen, daran, ob er einen fixen, und durchaus starren Platz in der Gesellschaft eingenommen hat und ob er einen Partner und Kinder requiriert hat. Suchen und Unterwegssein ist geächtet (ab dem 30. Geburtstag). Infragestellen und Unsicherheit ebenfalls. Als wäre Erwachsensein gleich bedeutend mit Festgenageltsein und einem innerlichen und äußerlichen Entwicklungsstop. Bei vielen ist das genau der Fall. Ich bin nie angekommen. Ich bin nicht verwurzelt. Ich habe nie aufgehört flügge zu sein. Ich suche und suche. Aber ich suche nicht mich selbst, denn da bin ich fündig geworden. Was ich suche, ist, eine Gemeinschaft der Suchenden und Fliegenden. Denn ich will nicht mehr alleine sein. Oder vielleicht will ich auch nicht mehr, schief angeschaut werden oder übervorteilt und ausgenutzt oder bemitleidet oder gering geschätzt – dafür, daß ich fliege und suche und weiterhin frage, auch mich in Frage stelle. Ich will mich auch nicht mehr erklären müßen. Ich will auch keinen Stress mehr. Denn manchmal glaube ich doch tatsächlich, daß an mir etwas falsch ist, daß ich unfähig bin, einen Platz zu finden, daß mir die Disziplin fehlt oder das Wissen oder das Verantwortungsgefühl und die innere Reife oder was man sonst so sagt, wenn man vor anderen Angst hat. Aber das stimmt nicht. Wenn ich mich umschaue, dann sind die Festgenagelten sehr unreif und meist auch sehr unzufrieden (das berühmte Wiener Matschgern, gibt’s aber auch anderswo). Und was ich nicht mehr will sind die dreisten Männer, die denken, nur weil ich Single bin, sei ich Freiwild. Das kotzt mich so was von an. So sexistisch. So mies. Im Grunde genau so wie Verlage und Galeristen. Genau das gleiche Schema. Da packe ich meine Arbeiten gar nicht mehr aus.

 

Der Welt ist der Respekt abhanden gekommen, und die Würde. Ja, auch wenn es jetzt komisch klingt: auch die Ehre.

 

Ja, Ehre! Wenn man dieses Wort im 21. Jahrhundert in den Mund nimmt, wird man mal grundsätzlich schief angeschaut. Die meisten kapieren gar nichts und stellen einem ins Neo-Nazi-Eck. Na, toll. Als würden Neo-Nazis ehrenvoll handeln! Was ist bitteschön an eine Ideologie des Hasses ehrenvoll? Das kann ja schon mal nicht zusammen gehen. Ehre und Würde kann man am besten mit Grundsätzen des britischen Adels erklären (ich weiß nicht, ob diese noch heute aktuell sind, aber bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts waren sie es noch – meines Wissens): ehrvoll jemanden zu behandeln bedeutet, immer höflich, respektvoll und aufrecht zu sein, jemand anderen niemals zu beleidigen oder zu erniedrigen (auch niedrigere Klassen oder Bedienstete), immer die Grenzen des anderen zu wahren, sich Anläßen entsprechend zu verhalten und zu kleiden, rücksichtsvoll und umsichtig zu leben und jüdisch füge ich noch hinzu: auf das Eigentum anderer sogar mehr als auf das eigene zu achten, Tiere und Umwelt zu schützen und respektieren, anderen zu helfen ohne zu vereinnahmen, für andere da zu sein um ihrerselbst willen etc. Das ist Würde und Ehre und Respekt. Von allem anderen ist Abstand zu nehmen. Dummerweise müßte ich von 99,9% der Menschheit Abstand nehmen. Das ist mein Dilemma. Von Männern, Frauen, Verlagen, Galeristen, Menschen im Allgemeinen. Daher lebe ich mit einem Kater. Nur mit ihm kann ich nicht mal einen trinken gehen oder in die nächste Disco. Er mag das nicht. Hmm... Und ganz ehrlich gesagt, brauche ich durchaus auch Artgenossen. Er auch.

 

Ich sage seit Jahren 'die Welt ist im Argen', nur was nützt mir das? Jammern hilft nichts. Handeln schon mehr. Aber ich handle im Verborgenen. Ich weiß nicht, was das nützt. Und manchmal verzweifle ich mal in die eine dann in die andere Richtung (dann mache ich Dinge, die nicht gut für mich sind, oder ziehe mich komplett zurück). Aber wie schon Montaigne sagte, man muß nicht einheitlich sein. Wer einheitlich ist, ist ein Klotz. Und das glaubt einem heutzutage auch niemand! Wir sind eine Gesellschaft der Klotze geworden! Fliege wer kann! Das heißt nicht, man solle einer der esoterischen Spinner werden, die an Channeling, Apokalypsen und Engelsheilung glauben oder sich in vermeintlichen Hexenkulten oder kabbalistischen oder katholisch/protestantisch reaktionären Sekten oder in neuem=altem Hass gegen Juden, Frauen, Rechte, Linke, Israelis, Homosexuelle, Zigeuner, Amerikaner, Russen, Tradition, Wirtschaftstreibende, Künstler, Sichselbst, Freiheit, Gesetze udgl verlieren, verirren. Das sind die ganz Verblendeten, denen vor lauter Verzweiflung oder Blindheit der Verstand und das Herz wegbrach (falls sie je einen und eines hatten).

 

Ich sage, wer Ehre, Würde und Respekt in sich trägt, der ist für -Ism nicht anfällig und sucht die Wahrheit und will sehen. Das ist man sich ja selbst schuldig. Das will ich ja schon zu meiner eigenen Würde und Ehre und meinem Selbstrespekt. Genauso wie Bildung. Und die Achtung vor meiner eigenen Kultur. Das will ich, weil ich mich selbst liebe! Ich will um meinerselbst willen fliegen. Obwohl es anstrengend ist. Und ich voller Angst. Hier in dieser Gesellschaft darf man auch nicht Angst haben. Ich will nicht mehr dynamisch, fortschrittlich, energisch und hip sein müßen. Wozu soll das gut sein? Außerdem: heißt Fortschritt, daß die Leute nur noch an ihren Smartphones hängen und zu interpersoneller Kommunikation nicht mehr fähig sind? Oder, daß nur noch Leute über 40 für Leute über 60 oder Schwangere in der Straßenbahn aufstehen? Oder, daß man Künstler verachtet, ausbeutet und nötigt, indem man sie für Veröffentlichungen und Ausstellungen zahlen läßt? Oder, daß Asyl nicht mehr für Verfolgte vergeben wird, sondern für Islamisten, die uns verachten und unseren Kontinent ganz offiziell zerstören wollen? Oder, daß Journalisten de facto nur noch lügen und dies ganz offensichtlich ideologisch verbrämt? Na, auf den Fortschritt pfeife ich! Da bin ich offiziell altmodisch. In dem Wissen, daß in (hoffentlich doch weniger als) 40 Jahren die Welt nachzieht. Zumindest meine bis dato Lieblingswelt, das ist Europa. Bis dahin singe ich das alte Studentenlied, das nach dem Sturm auf die Wartburg geschrieben wurde in den Zeit des Reaktionismus und der Zensur (also wie heute), 'Die Gedanken sind frei' und zwar die 2. bis 4. Strophen: 'Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren. Es bleibet dabei: die Gedanken sind frei./// Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke, denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei; die Gedanken sind frei./// Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen. Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: die Gedanken sind frei!' Das da auch sehr viel vom Erfolgreichen Wünschen drin steckt, ist nur ein positiver Nebenaspekt. Und es heißt auch Unterwegssein, immer weiter wandern.